„Wann willst du denn diese ganzen historischen Kostüme tragen?“, fragen mich Bekannte und Freunde manchmal, wenn ich ganz begeistert von einem neuen Nähprojekt erzähle. Meistens zucke ich dann bloß mit den Schultern und erwidere ehrlich, dass es mir gar nicht so sehr ums Ausführen der Kleider geht, sondern ums Machen … darum, sich mit einer Epoche und deren Kleidungsstil auseinander zu setzen, sich ein Design zu überlegen und dann einfach loszulegen, zu sehen, wie das Kleid wächst und gedeiht. Es dann anzuziehen und sich darüber zu freuen, dass man das selbst geschafft hat, in Handarbeit, und dass man endlich ein Kleid besitzt, wie man es schon seit der Kindheit immer haben wollte.

Was natürlich nicht heißt, dass ich die Kleider nicht auch wahnsinnig gerne ausführe. Während es Mittelalterevents zuhauf gibt, wird es deutlich schwieriger einen passenden Anlass zu finden, sobald man ein Kleid anziehen möchte, dass aus einer Epoche nach 1500 stammt.

Aber einmal im Jahr gibt es den Tanzball, über den meine Bekannte und ich letztes Jahr eher zufällig gestolpert sind, und der uns so begeistert hat, dass wir uns die Tickets für 2017 bereits gesichert haben. Womit der übliche Kreislauf des enthusiastischen Kostüme-Nähers beginnt: Was ziehe ich bloß an?

Nähen Regency Jane Austen

Ärmel eines Empirekleides um 1800

Aus Mangel an Zeit ist es letztes Jahr bei mir anstatt einer Robe a l’anglaise doch nur ein einfaches Chemisenkleid geworden, wie es Ende des 18. Jahrhunderts in Mode kam, und das sozusagen ein Vorläufer der aus den Jane Austen-Filmen bekannten Empire-Kleider ist. Damit kratzte ich epochenmäßig aber schon hart an der Grenze. Der Dresscode für den Tanzball lautet alles von Mittelalter bis 1800 – damit fällt ein richtiges Empirekleid oder gar ein Kleid von 1912 also raus. (Für letzteres habe ich letztens endlich ein Schnittmuster für das passende Korsett gefunden – nach jahrelanger Suche.)

Natürlich könnte ich es doch nochmal mit der Robe a l‘anglaise versuchen, und vielleicht werde ich das auch tun. Aber mein Herz schlägt grad woanders.

Ich schreibe schon länger an einem Fantasyroman, dessen Ereignisse und Welt stark vom England zwischen 1485 und 1600 inspiriert sind – also der Zeit des Tudor-Hauses. Politische Unruhen, religiöse Minderheiten, Krach mit Spanien und so weiter. Für mich wird diese Zeit auch stark durch ihre Mode definiert – die französischen Hauben, die weiten Ärmel, der ganze Pomp und Circumstance. Und irgendwie habe ich mich bei der Recherche und dem Schreiben darin verliebt.

Nähen Regency Jane Austen

Aktuell steht bei mir deswegen für den Tanzball ein Kleid der italienischen Renaissance aus dem 16. Jahrhundert hoch im Kurs – besonders, nachdem ich gerade in Florenz war und die Renaissance sozusagen hautnah erleben durfte. Ja, am schönsten wäre natürlich ein Tudorkleid, aber die bestehen aus vielen einzelnen Schichten, und sind daher natürlich immens aufwendig und auch nicht ganz kostengünstig. Die florentiner Mode des späten 15. Jahrhunderts wäre ja mein heimlicher Traum, aber ein Schnittmuster in meiner Größe zu finden erweist sich als schwierig. Deswegen also die Idee mit der etwas späteren italienischen Renaissance – schön aussieht tut sie auch, nicht wahr?

Verliebt habe ich mich dabei dieses Schnittmuster, das mehrere Varianten erlaubt und mit reichlich Anleitung und Bebilderung daherkommt. Die Taille sitzt nicht ganz so hoch, dennoch hat das Kleid die für die Renaissance so typischen Ärmel und Ausschnitt. Zusammen mit einem entsprechenden Haarnetz kann das bestimmt toll aussehen.

Momentan ist das einzige Problem der Kostenpunkt: Ich werde noch ein paar Wochen brauchen, bevor ich mir das Schnittmuster gönnen kann. Gott sei Dank ist bis November ja noch Zeit!

 

Share: