Peter Pan

Er wird niemals erwachsen, und er kann fliegen – Peter Pan! Die Geschichten aus der Feder des Schotten James M. Barrie machten ihn unsterblich, zahlreiche Verfilmungen trugen ihm und seinem Autor Weltruhm ein. Im Niemalsland, dem fantastischen Inselreich, erleben die kleine Wendy und ihre Brüder gemeinsam mit Peter Pan, der Elfe Tinker Bell und den Verlorenen Jungs die aufregendsten Abenteuer und bestehen den Kampf mit dem grimmigen Captain Hook.

Okay, irgendwie klingt “Peter Pan” in diesem Klappentext bezaubernder und netter, als es eigentlich ist. Wesentlich netter, als es eigentlich ist.

Ich hatte, aus Gründen (™), beschlossen, dass es an der Zeit wäre, mich diesem Kinderbuchklassiker zu widmen. Ich dachte, ich würde die grundsätzliche Geschichte dahinter kennen – Peter und Wendy, Captain Hook, die Sache mit dem Krokofil und dem Wecker – und dass mich ein relativ harmloses Vergnügen erwartete. Weit gefehlt.

Vielleicht bin ich mittlerweile zu alt, zu erwachsen (“Pfui!”), um das Buch ungestört genießen zu können, aber ich weiß selbst jetzt, Monate später, immer noch nicht so recht, wie ich zu dem Buch stehe.

Die Idee, auf die “Peter Pan” ganz gerne herunter gebrochen wird, ist grundsätzlich ja ganz niedlich: Der Junge, der nie erwachsen werden will, nimmt eines nachts die Geschwister Wendy, John und Michael mit in das sagenhafte Nimmerland, wo sie die “Lost Boys” kennenlernen und Abenteuer bestehen müssen. Nicht zuletzt gegen Captain Hook, der hinter Peter Pan her ist.

Was in dieser groben Zusammenfassung fehlt, sind die ganzen Details, die das Buch teils problematisch machen – immerhin stammt es aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert – und die Grausamkeit, die dieses Buch durchzieht. Keine Sorge, ich fasse mir nicht entsetzt an die Perlenkette und verkünde, dass Grausamkeit in Kinderbüchern komplett gestrichen werden sollte. Aber “Peter Pan” ist nicht grausam in dem Sinne, dass Leute körperlich brutal zu Schaden kommen (obwohl auch das hin und wieder geschieht), sondern psychologisch grausam.

Zum einen kommt Peters ewige Jugend mit einem Preis: Er vergisst praktisch alles, was er jemals gesagt oder versprochen hat, lässt die Kinder auf der Insel hungern, wenn ihm danach ist und er nur so tun möchte, als ob sie eine Mahlzeit zu sich nehmen, und ist insgesamt ein sehr egozentrischer kleiner Kerl. Selbst Wendy betrachtet er eher als eine Art Spielzeug, ein Mittel zum Zweck, weil die “Lost Boys” eine Mutter brauchen. (Wendy ist natürlich mehr als gewillt, das Hausweibchen zu spielen und für alle zu kochen, zu nähen und die Stube sauberzuhalten, immerhin ist das Buch von 1911. Es könnte aber auch das Parteiprogramm der AfD sein.) Das alles geschieht aber nicht aus Boshaftigkeit heraus, sondern weil Peter Pan die personifizierte Kindheit ist. Für ihn gibt es keine Konsequenzen, weil er diese ohnehin sofort vergisst und folglich nicht daran wachsen kann.

Den eher, sagen wir, problematischen Umgang mit der Darstellung der Ureinwohner Amerikas lassen wir jetzt mal außen vor. Das ist einer der Punkte, wo man das Buch im Kontext seiner Zeit sehen muss. Was nicht heißt, dass ich nicht jedesmal zusammen gezuckt bin, wenn Tigerlily Peter mit “großer weißer Vater” anspricht.

Zum anderen fordert auch Nimmerland seinen menschlichen Bewohnern ein Opfer ab: Wie Peter und die “Lost Boys” beginnen auch die Darling-Kinder, ihre Eltern zu vergessen. Als älteste kann Wendy sich zwar länger an das Wissen um ihren Mutter, ihren Vater und ihren geliebten Hund bewahren, ihre jüngeren Brüder vergessen aber relativ schnell, dass Peter und Wendy zwar so tun, als seien sie die Eltern der Kinder, dies aber nicht wirklich sind.

Nicht zu vergessen Tinkerbell, die alles andere als das liebenswerte Feenmädchen ist, für die sie so allgemein gehalten wird, eifersüchtig über Peter Pan wacht und Wendy am liebsten aus dem Weg räumen würde. Oder Captain Hook, der ein echt merkwürdiges Verhältnis zu Peter Pan pflegt und wie von ihm besessen ist.

Damit will ich nicht sagen, dass “Peter Pan” ein schlechtes Buch ist. Aber seit Erscheinen wurde es ziemlich verklärt und immer wieder auf den zugegeben zauberhaften Teil runtergebrochen, und all das, was in vielerlei Hinsicht grausam oder “bedenklich” ist, weggelassen. Dadurch ist ein völlig falsches Bild von “Peter Pan” entstanden, was mich in vielerlei Hinsicht traurig macht.

Und schließlich, wenn man glaubt, das Buch so einigermaßen verstanden und sich damit arrangiert zu haben, kommt das Ende. Ich will hier gar nicht spoilern, das sollte jeder selbst lesen. Aber ich hab vielleicht ein ganz klein wenig und minimalst geschluckt. Also, wer Bücher mag, die einem auf den letzten Metern das Herz brechen – ich hab das Lesematerial für euch gefunden.

Eins kann ich mit Sicherheit sagen: Das Buch hat mich noch tagelang in meinen Gedanken verfolgt und mich nicht losgelassen. Vielleicht ist es nicht zuletzt deshalb auch ein Literaturklassiker. Es hallt nach.

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