Smoke Dan Vyleta

Wie sähe eine Welt aus, in der jede Sünde, jeder dunkle Gedanke sichtbar wäre? Smoke entführt den Leser in ein England vor hundert Jahren, in dem jede Verfehlung mit Rauch bestraft wird, der dem Körper entweicht. Auch Thomas und Charlie, Schüler eines Elite-Internats, werden immer wieder durch Rauch-Attacken gebrandmarkt, wenn sie den strengen Schulregeln nicht genügen. Doch dann finden sie – fast zufällig – heraus, dass die Gesetze des Rauchs längst nicht für alle gelten. Wieso gibt es böse Menschen, die nicht von Ruß befleckt sind? Und welche Rolle spielt der Rauch bei den sozialen und politischen Umbrüchen ihrer Zeit? Auf der Suche nach der Wahrheit begeben sich die Freunde auf eine dramatische Reise voller riskanter Abenteuer und düsterer Intrigen und rufen damit schon bald mächtige Feinde auf den Plan …

„Smoke“ ist für mich das beste Beispiel, wie wichtig gute Cover und wertig aufgemachte Bücher für den stationären Handel sind. Hätten das Cover und die Haptik des Buches nicht im Vorbeigehen meine Aufmerksamkeit geweckt, hätte ich den Roman wohl nie in die Hand genommen und ein wirklich großartiges Buch verpasst.

Müsste ich „Smoke“ mit irgendeinem anderen Buch vergleichen, dann vermutlich mit „Das Parfum“ von Patrick Süskind. Nicht unbedingt von der Handlung her – bei „Smoke“ sind wir eindeutig in der historischen Fantasy, und die Handlung steht ganz in der Tradition der Schauerromane – sondern wegen des Gefühls, das Vyletas Roman beim und nach dem Lesen bei mir hinterlassen hat. Obwohl die Protagonisten des Buches zwei (später drei) Jugendliche um die sechszehn oder siebzehn sind, hat das Buch wenig von typischer YA-Fantasy. Es ist sprachgewaltig, beklemmend, brutal und grausam, und scheut sich nicht davor, das Elend des viktorianischen Londons in all seiner Trostlosigkeit zu beschreiben. Vyletas Beschreibungen des völlig verkommenen London sind so wuchtig und eindringlich, dass sie locker mit Süskinds Schilderungen des Paris im 18. Jahrhundert mithalten können, mit einem Schuss Dickens dabei.

Auch die Figuren haben etwas Süskind-esques. Jede von ihnen ist mit Fehlern behaftet, hat mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen und trifft zuweilen zweifelhafte oder selbstsüchtige Entscheidungen. Dabei ist die Grundfrage, die Vyleta stellt, hoch spannend: Was wäre, wenn jede kleine Sünde, jede Verfehlung – selbst wenn sie nur im Kopf stattfindet–, für andere Menschen sichtbar würde? In „Smoke“ wird dieses Wissen durch die Regierung und Kirche instrumentalisiert und zur Unterdrückung des Volkes, in der Regel der Armen, genutzt. Denn wer reich ist, der findet Mittel und Wege, um den schändlichen Rauch zu unterdrücken. Das Volk aber lebt buchstäblich in Sünde, was genug Grund für die Oberschicht ist, um ihre Vorherrschaft zu rechtfertigen. Dadurch entsteht eine Schreckensherrschaft, die zugleich furchtbar und bedrückend real wirkt. Die Welt, die Vyleta in „Smoke“ erschafft, ist durch und durch schlüssig und hervorragend aufgebaut.

Besonders beeindruckt hat mich auch das Ende des Romans: Auch in „Smoke“ gibt es eine Dreiecksbeziehung. Klar, muss ja sein bei jugendlichen Protagonisten. Zwei beste Freunde, unterschiedlich wie Tag und Nacht, die sich in dasselbe Mädchen verlieben, das wiederum auch für beide Jungs etwas empfindet. Über lange Strecken waren das die einzigen Momente, bei denen ich beim Lesen ständig die Augen verdreht habe, weil ich meinte, diese Geschichte schon hundert Mal gelesen zu haben und das Ende zu kennen. (Und wirklich, muss denn in jedes Buch so eine dämliche Dreiecks-Kiste?) Außerdem mochte ich alle Figuren und wollte nicht, dass eine von ihnen am Ende als Verlierer dasteht. Auflösen tut Vyleta diese Dreiecksbeziehung dann auf eine Art, die fantastisch zu diesem ungewöhnlichen Roman passt, und alleine dafür bekommt das Buch von mir ganz viele Herzchen und Sternchen.

Ich weiß nicht, wie es dieses bildgewaltige, unkonventionelle Buch in einen Verlag geschafft hat, aber es hat mich daran erinnert, warum ich dieses Genre so mag, und was es kann, wenn man es richtig zu nutzen weiß.

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